Das letzte Jahr hat gezeigt: Unternehmen benötigen fortgeschrittene Tools und Methoden, um eine widerstandsfähige Supply Chain aufzubauen. Das Identifizieren von Schwachstellen und der Übergang zu einer wahrscheinlichkeitsbasierten Planung hilft Ihnen, sich auf Unsicherheiten einzustellen. Derzeit gewinnen verschiedene Instrumente und Methoden an Bedeutung, darunter auch die Szenarioplanung. Sie bietet eine wertvolle Hilfe, um Unsicherheiten zu begegnen. Im Folgenden zeigen wir, wie die Szenarioplanung für eine agilere durchgängige Supply-Chain-Planung eingesetzt werden kann und wie Unternehmen damit einen Wettbewerbsvorteil erzielen.

Unsicherheiten: Teil des Neuen Normal

Im vergangenen Jahr wurden die Herausforderungen in einer VUCA-Welt sichtbarer denn je. VUCA steht für Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity, im Deutschen Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Zusätzlich kämpften viele Unternehmen mit Auswirkungen der Covid-19-Pandemie, auch wenn sich die Herausforderungen in verschiedenen Branchen unterschiedlich zeigten. Während einige Unternehmen ihren Betrieb einstellen mussten, erlebten Online-Händler eine nie dagewesene Nachfrage. Mehr als ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie sind die langfristigen Folgen immer noch ungewiss. Weitere ökologische, ökonomische, politische und gesellschaftliche Entwicklungen erhöhen die Unsicherheit im Supply Chain Management.

Einige der Faktoren sind extern und können nicht beeinflusst werden. Wenn Regierungen die Ausbreitung des Virus in ihrem Hoheitsgebiet besser kontrollieren, schafft dies wiederum mehr Vertrauen bei den Verbrauchern. Unternehmen könnten auch zusätzliche staatliche Unterstützung erhalten, um schwerwiegende Auswirkungen auf ihr Geschäft zu vermeiden. Wie wir gesehen haben, entsteht ein ständiges Wechselspiel zwischen den verschiedenen Elementen. Beispielsweise können Schließungen und Geschäftseinschränkungen Unternehmen belasten und Endkunden entmutigen. Gleichzeitig kann ein begrenztes Lieferangebot Herstellern schaden, die bereit sind, ihre Produktion hochzufahren.

Generell lassen sich die Herausforderungen für Unternehmen wie folgt zusammenfassen:

  • Unsichere Nachfrage, z.B. unerwartete Nachfragespitzen bei Baustoffen für den Wohnungsbau oder Rückgänge in den Gasförderregionen.
  • Umstellung der Vertriebskanäle von Einzelhandel auf Onlineverkauf.
  • Unsichere Versorgung, z.B. durch geschlossene Produktion oder Nichtverfügbarkeit von Arbeitskräften für die Eigen- und Lieferantenproduktion, sanktionierte Ware.
  • Gestörte Logistik, z.B. durch Grenzschließungen, reduzierte Transportkapazitäten.
  • Politische Unsicherheit durch regional unterschiedliche und sich regelmäßig ändernde Bestimmungen mit unklarer Entwicklung in der Zukunft.

Dadurch sind Produktion, Einkauf und Transport nicht exakt planbar. Es braucht einen neuen Ansatz, um die Situation zu verwalten.

Aktion statt Reaktion

Wir sind davon überzeugt, dass Unternehmen durch kluges Risiko-Management und das Ausschöpfen neuer Potenziale einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil erzielen können. Der Ausbruch der Pandemie hat gezeigt, wie schwierig es ist, auf Unsicherheiten zu reagieren. Zudem verfügen Unternehmen nur über eine begrenzte Kapazität, um mit absehbaren Verzögerungen zu planen, die durch den künftigen Pandemieverlauf verursacht werden. Nur auf Störungen zu reagieren, verbessert die Resilienz der Lieferkette nicht. Es braucht einen proaktiveren Ansatz.

Die aktuelle Krise hat gezeigt, dass Unsicherheiten zu wenig berücksichtigt wurden, Optimierungen oft isoliert erfolgten und in der Supply-Chain-Planung die durchgängige Transparenz fehlte. Um diese Mängel zu beheben, können Unternehmen entweder strategische Änderungen vornehmen, indem sie die Struktur der Supply Chain, das Portfolio und die Kundenmarktstrategie im Hinblick auf mehr Widerstandsfähigkeit überdenken. Oder sie können Maßnahmen innerhalb der aktuellen Lieferkettenstruktur ergreifen, um sich taktisch und operativ neu aufzustellen.

In jedem Fall profitieren viele Unternehmen von einem detaillierten und durchdachten Aktionsplan, der proaktiv umgesetzt werden kann. Hier ist die Szenarioplanung von großem Nutzen: Sie prognostiziert wahrscheinliche Realitäten basierend auf den Schwierigkeiten eines Unternehmens in einer bestimmten Situation.

In diesem Artikel werden Werkzeuge und Maßnahmen auf taktischer und operativer Ebene erörtert (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Ausarbeitung von Szenarien

Szenarien ausarbeiten

Im Allgemeinen umfasst die Szenarioplanung drei Hauptschritte. Sie beginnt mit der Berücksichtigung der Umwelt- und Geschäftsbedingungen als notwendige Inputs für die Entscheidungsgrundlage. Der nächste Schritt besteht darin, die in der aktuellen Umgebung bestehenden Risikofaktoren der Supply Chain zu bestimmen. Anschließend werden die Erkenntnisse für die Szenarioableitung und -bewertung verwendet.

Die Auswirkungen der jüngsten Ereignisse auf unser Geschäft können wir durch die Folgenabschätzung bereits prognostizieren. Jetzt müssen wir über Maßnahmen nachdenken, um sie zu vermeiden. Hierbei ist es entscheidend,

  • neue Abhängigkeiten zu erkennen und zu dokumentieren,
  • zu verstehen, wie man Prognosen besser erstellt,
  • und mit der Ausarbeitung von Szenarien zu beginnen.

Dazu gehört es, Risiken und Chancen zu bewerten sowie kritische KPIs und kurzfristige Ziele (z.B. Verkürzung der Durchlaufzeiten) genau zu untersuchen.

Planung gegen Unsicherheiten

Die Szenarioplanung umfasst das Treffen von Annahmen über die Zukunft und die Entwicklung des Marktklimas auf der Grundlage dieser Annahmen. Mit anderen Worten: Die Szenarioplanung identifiziert eine bestimmte Gruppe von Unsicherheiten oder verschiedene „Realitäten“ dessen, was in der Zukunft Ihres Unternehmens passieren kann. Es ist von entscheidender Bedeutung, die potenziellen Ereignisse und ihre finanziellen und nicht-finanziellen Auswirkungen zu überwachen und zu bewerten. Dabei geht es unter anderem um den Verlust wichtiger Mitarbeiter, die Beeinträchtigung der Markenbekanntheit oder die Gefährdung der Geschäftskontinuität, was zu Marktverlusten, zu hohen Investitionen und nicht-eintretenden Szenarien führt.

Die Szenarioplanung beinhaltet nicht nur die Einschätzung einer Prognose, die genau richtig oder völlig falsch sein kann. Vielmehr betrachten wir verschiedene Sets unterschiedlicher Zukunftsvarianten, identifizieren, was innerhalb Ihrer Supply Chain passieren könnte, und berechnen Wahrscheinlichkeiten. Es kann Tausende von verschiedenen Szenarien geben, die zahlreiche Faktoren beinhalten, etwa Vorlaufzeiten, Nachfrageänderungen, Versandkosten, Servicelevel und ähnliches. Wichtig ist die Ausarbeitung einer Liste kritischer KPIs durch verschiedene Planer und Entscheidungsträger auf Führungsebene. Ihre Abhängigkeiten und Anforderungen sind entscheidend für die Definition des Handlungsspielraums.

Darauf aufbauend werden Aktionspläne mit konkreten Minderungsmaßnahmen erstellt. Die Geschäftsleitung oder das Führungsteam muss sich auf Zugeständnisse einigen, zum Beispiel, ob zusätzliche Kapazitäten zur Bedarfsdeckung zugelassen werden oder nicht. Aus dem Aktionsplan geht klar hervor, welche Art von Minderungsmaßnahmen er umfasst und inwieweit diese genutzt werden können. Da an dieser Aktivität mehrere Geschäftsbereiche beteiligt sind, eignet sich der S&OP-Planungsprozess ideal zur Analyse verschiedener Situationen und zur Koordination geplanter Aktivitäten über alle Organisationsrollen hinweg.

Strukturierte Vorgehensweise bei der Umsetzung

Generell schlagen wir folgende Schritte vor (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Weg zur Planung einer widerstandsfähigen Supply Chain

Wählen Sie als zugrunde liegenden Ansatz das am besten geeignete Planungssystem aus, um den sich ständig ändernden Anforderungen gerecht zu werden. Idealerweise muss es funktionsübergreifende Rollen wie Bedarfsplanung, Angebotsplanung, Vertrieb, Marketing, Produktion und Logistik abdecken.

Beobachten Sie die Marktbedingungen genau, konfigurieren Sie verschiedene Szenarien für Ihr eigenes Geschäft und führen Sie Simulationen durch, um die potenziellen Auswirkungen zu quantifizieren und zu bewerten.

Als Nächstes sollten Sie Risikomanagementtechniken implementieren und sich auf die Widerstandsfähigkeit gegen die Pandemie konzentrieren. Wie in diesem kürzlich erschienenen Artikel beschrieben, bezieht sich das Konzept der Supply-Chain-Resilienz darin, Schwachstellen innerhalb der Lieferkette zu erkennen, wie auch in der Fähigkeit, entsprechende Risiken gezielt zu minimieren. Im traditionellen Supply-Chain-Risikomanagement wird versucht, zahlreiche externe Risikoereignisse zu erkennen und sich darauf vorzubereiten, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was in der End-to-End Supply Chain kontrolliert und vorhergesagt werden kann.

Die Definition der KPIs ist der nächste logische Schritt. Wie oben erwähnt, bietet die von den Planern definierte KPI-Liste einen besseren Einblick, welches der Szenarien tatsächlich abläuft. Insgesamt sensibilisiert die Szenarioplanung für die Aktivitäten, die die Zukunft der Organisation prägen, und für den Umgang damit.

Was das Supply-Chain-Risikomanagement in der Praxis betrifft, müssen die notwendigen Änderungen berücksichtigt werden, um negative Auswirkungen zu minimieren. Als Nächstes sollten die Auswirkungen dieser Änderungen auf den Betrieb mit Hilfe von Simulationen innerhalb der Szenarioplanung getestet werden. Jedes Szenario wird so simuliert, als ob es im wirklichen Leben stattfinden würde. In diesem Fall prüft der Planer, wie sich eine bestimmte Entscheidung, zum Beispiel eine Kapazitätserweiterung, in jedem Szenario auswirkt.

Faktoren für eine flexible und widerstandsfähige Supply-Chain-Planung

Ein umfassender Datensatz oder digitaler Zwilling ist die Basis für eine gute Szenarioplanung. Dieser sollte die tatsächliche Lieferkette so genau wie möglich widerspiegeln. Da es sehr zeitaufwändig ist, die komplexeSupply Chain mit ihren zahlreichen Faktoren in Excel-Tabellen abzubilden, per E-Mail hin- und herzuschicken und ständig zu aktualisieren, empfehlen wir moderne Supply-Chain-Planungstools wie SAP IBP. Wie die meisten modernen Tools beinhaltet die Lösung umfangreiche Supply-Chain-Daten und eine Echtzeitsynchronisierung der Supply-Chain-Planung. Dadurch wird es zum praktischen Werkzeug, das Sie bei der Szenarioplanung unterstützt. Mögliche zukünftige Ereignisse und Aktionen lassen sich einfach in Simulationen abbilden. Diese wiederum können in Szenarien oder Versionen gespeichert, geteilt und verglichen werden. Hier werden gespeicherte Ad-hoc-Simulationen, in denen einzelne Änderungen schnell modelliert und geteilt werden können, als Szenarien bezeichnet; sie dienen als Entscheidungshilfe. Zudem werden komplette Datensätze in Versionen kopiert, in denen auch einzelne Stammdaten modifiziert werden können; sie dienen als Grundlage für die monatliche Planung.

Die Ableitung von Angebotsszenarien aus Nachfrageszenarien hilft, Risiken zu bewerten und proaktiv zu steuern. Darüber hinaus lassen sich die Auswirkungen dieser Szenarien auf die Ressourcen kontrollieren. Genauer gesagt, werden der Anteil der gedeckten Nachfrage, die Auswirkungen auf die Kapazität und die Auswirkungen auf den Bestand in Bezug auf Umsatz, Kosten und potenzielle Einnahmeverluste bewertet. Schließlich sind Entscheidungen über Bestandszuordnung, Einstellung, Wartung, Schichtpläne oder Kapazitätserweiterungen möglich. Diese Fähigkeit, verschiedene Szenarien und deren Auswirkungen auf verschiedene relevante Faktoren – von der Angebotsplanung bis zu den Finanzen – zu visualisieren, fördert eine unvoreingenommene funktionsübergreifende Entscheidungsfindung auf jeder Planungsebene. Im Endergebnis ermöglicht das eine strukturierterer Diskussion über die relevanten Supply-Chain-Parameter. Notfallmaßnahmen werden gemindert, und die Supply-Chain-Planung wird flexibler und widerstandsfähiger.

Stärkung der Supply-Chain-Resilienz

Viele Unternehmen haben auf die Covid-19-Pandemie mit Sofortmaßnahmen reagiert, um plötzliche Veränderungen oder Engpässe aufzufangen. Da der weitere Verlauf der Pandemie noch nicht absehbar ist, sind strategische Aktivitäten in erster Linie kurzfristig, die Unternehmen warten ab. Führungskräfte müssen jedoch verschiedene mögliche Ergebnisse berücksichtigen und ihre nächsten potenziellen Maßnahmen planen, um schwerwiegende Auswirkungen zu verhindern.

  1. Stärkung der Supply-Chain-Resilienz
  2. Bessere Transparenz
  3. Verständnis der Risiken und Chancen
  4. Klarer Reaktionsplan zur Risikominderung
  5. Schnelle Entscheidungsfindung

Supply-Chain-Resilienz sollte oberste Priorität haben – in der jetzigen Zeit ganz explizit. Bei der Planung für die Erholungsphase – oder für eine potenzielle weitere Krise – eignet sich ein szenariogesteuerter Ansatz am besten. Er ermöglicht es Supply-Chain-Führungskräften, die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferkette zu stärken und Transparenz in der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen. Darüber hinaus hilft ihnen dieser Ansatz, die Risiken und Chancen der Corona-Pandemie zu verstehen. Eine klare Vision und eine Liste verschiedener Szenarien und damit verbundener Risikominderungsmaßnahmen führen in diesen unsicheren Zeiten zu mehr Transparenz, schnelleren Entscheidungen und mehr Vertrauen in Ihr Unternehmen.

Status quo und Trends im Demand-Driven Supply Chain Management

Der jährliche Demand-Driven Radar beleuchtet branchenübergreifend den Status quo des Demand-Driven Supply Chain Managements, zeigt Veränderungen, Trends und zentrale Herausforderungen.

Zum Download des Demand-Driven Radar 2021

Empfohlene Artikel

New Now in Organizations

Chemieindustrie: strategischer Einkauf mit Weitblick

Die chemische Industrie sieht sich aktuell mit umfangreichen Veränderungen konfrontiert. Der Einkauf als Unternehmensfunktion hat das Potenzial, neue Wettbewerbsvorteile zu …

weiterlesen
Logistics

Die Rezeptur macht‘s: Digitalisierung in der Chemie- und Pharmalogistik

Die Digitalisierung ist ein alter Hut in der Logistik, aber speziell in der Chemie- und Pharmalogistik besteht noch viel Luft nach …

weiterlesen
Data & Analytics

Triple A in Inventory Optimization

Triple A steht in diesem Fall für Analytics, Acceptance, Architecture. Bevor wir diese Formel im Kontext von Inventory Optimization anwenden, …

weiterlesen

Denken Sie Ihre Value Chain neu mit uns

Kontaktieren Sie uns