In Europa wie in China sind die wichtigsten Produktionsanlagen der Chemiebranche in Chemieparks angesiedelt. Obwohl sie aus unterschiedlichen Gründen entstanden sind und sich unterschiedlich entwickelt haben, könnten sie aufgrund der Dynamik der Branche und der Finanzmärkte das gleiche Ziel haben. In zwei Blogeinträgen erläutere ich, wie Chemieparks in China von den in der westlichen Welt gemachten Erfahrungen profitieren können.

Teil 1: Lessons Learned der Chemieparks in Europa

Das Konzept des Chemieparks entwickelte sich in Europa in den 1990er Jahren. Die Chemiestandorte waren über die Jahrzehnte zu Produktionsnetzwerken mit mehreren Werken gewachsen. Die Infrastruktur und Dienstleistungen an diesen Standorten wurden von internen Abteilungen des Chemieunternehmens geliefert, dem der Standort gehörte. Da die Werke, die diese Dienstleistungen in Anspruch nahmen, zum selben Unternehmen gehörten wie der Anbieter, bestand keine Notwendigkeit, die zwei Teile rechtlich zu trennen. Das änderte sich, als europäische Chemieunternehmen damit begannen, ihre Geschäftstätigkeit auf Bereiche mit höheren Margen zu konzentrieren, indem sie sich vom Commodity-Geschäft trennten und Spezialbereiche aufbauten. Im Zuge dieser Transformation wurden aus Standorten mit einem Nutzer Standorte mit mehreren Nutzern, da Werke in einem bestimmten Geschäftsbereich den Eigentümer wechselten. Damit stellte sich die Frage, wie mit der Infrastruktur und den Dienstleistungen umgegangen werden sollte, die von allen chemischen Unternehmen am Standort genutzt wurden.

Neues Geschäftsmodell

Die Lösung lag darin, diese Tätigkeiten an separate Betreibergesellschaften zu übertragen, die sich entweder im Eigentum des ursprünglichen Produzenten oder der größten Nutzer am Standort befanden. Auf diese Weise entstand ein neues Geschäftsmodell: die Betreibergesellschaft. Dafür gab es drei wesentliche Gründe:

  1. Die Kosten und Risiken im Zusammenhang mit Infrastruktur und Dienstleistungen wurden von den größten Nutzern gemeinsam getragen, entweder durch Beteiligung an der Betreibergesellschaft oder durch Bezahlung für die Dienstleistungen.
  2. Durch neutralere und transparentere Geschäftsbeziehungen stand die Betreibergesellschaft unter Druck, effizient zu arbeiten.
  3. Die Betreibergesellschaft sollte den Standort für neue Mieter attraktiver machen, im Idealfall durch Bereitstellung einer bereits erschlossenen Umgebung, die das Ansiedeln neuer Werke ohne zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur erleichterte.

Ergebnisse

Im Rückblick können wir sagen, dass das erste Ziel allein durch die Art der Organisation des neuen Geschäftsbereichs erreicht wurde. Das zweite Ziel der Kostenoptimierung zu erreichen, war teilweise ein langer und schmerzhafter Weg, da erste Bemühungen aufgrund von Rezessionen und Werksschließungen, die die Mieter mit Leerkosten belasteten, oft fruchtlos blieben. Nach zwei Jahrzehnten sind die Chemieparkbetreiber heute jedoch viel schlanker organisiert und können auf Kundenanforderungen schneller reagieren. Das dritte Ziel, neue Investitionen anzulocken, stellte die größte Herausforderung dar. Der Bau neuer Werke verlagerte sich nach Ostasien und, angetrieben vom Schiefergas, nach Nordamerika, während die Chemiebranche in Europa mit erheblichen Umstrukturierungen zu kämpfen hatte. Dies führte in einigen Chemieparks zu einer Unterauslastung. Auf der anderen Seite ist der Bau neuer Werke außerhalb von Chemieparks aufgrund von Umwelt- und Sicherheitsauflagen schwieriger geworden. Die Chemieparks ziehen heutzutage daher kaum neue Mieter an, sondern konkurrieren in erster Linie um Ersatz- oder Erweiterungsinvestitionen der bereits etablierten Unternehmen. Am Eingang von Chemieparks finden sich zwar oft viele Firmenschilder. Die meisten Firmen sind jedoch Ableger von etablierten Unternehmen oder Investoren, die die Geschäfte erworben haben, und keine wirklich neuen Akteure. Es gab aber auch einige erfolgreiche Ansiedlungen ausländischer Investoren wie z. B. die Gründung eines Kunststoffwerks durch den chinesischen Konzern Kingfa im Chemiepark Wiesbaden.

Hemmnisse

Das Risiko stagnierender oder sogar schrumpfender Produktionsvolumen in europäischen Chemieparks erklärt möglicherweise, warum einige große Chemieunternehmen immer noch dazu tendieren, ihre Anteile an Betreibergesellschaften zu halten. Ihre Zurückhaltung, den Betrieb des Chemieparks vollständig unabhängigen Akteuren zu überlassen, mag paradox erscheinen, da sie sich bereitwillig in Chemieparks in Ostasien als Mieter ansiedeln. Aber Asien, und insbesondere China, sind Wachstumsmärkte, während viele europäische Chemieparks mit Werksschließungen und damit verbundenen Leerkosten zu kämpfen haben. Die etablierten Unternehmen bevorzugen es offenbar, diese Umstrukturierungsprozesse selbst anzugehen, statt sich auf Dritte zu verlassen, die ihre Abhängigkeit von monopolistischer Infrastruktur und Dienstleistungen ausnutzen könnten.

In meinem nächsten Blogeintrag werde ich die aktuelle Situation chinesischer Chemieparks beschreiben und wie sie aus den in Europa gemachten Erfahrungen lernen können.

Ich danke Dr. Kai Pflug für seinen Beitrag zu diesem Artikel.

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