In weniger als einer Woche finden die US-Präsidentschaftswahlen 2020 statt. Unabhängig davon, wer der nächste US-Präsident wird, ist bereits jetzt klar: Das Ergebnis wird sich auf die globale Geschäftswelt auswirken. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit den möglichen folgen für Einkaufsteams, insbesondere in Europa.

Nächste Woche, am 3. November 2020, wird die Welt gespannt auf die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen warten. Die USA und Europa verbindet eine langjährige, für beide Seiten wichtige Handelspartnerschaft. Im Jahr 20181 exportierten die USA Waren und Dienstleistungen im Wert von 318,6 Mrd. USD in die EU, während sich die EU-Importe auf 487,9 Mrd. USD beliefen. Folglich hatten die USA ein Handelsdefizit von 169,3 Milliarden USD. Experten sehen das anhaltende Handelsdefizit als einen der Hauptgründe für den unter der Trump-Regierung begonnenen Handelskrieg.

Abb. 1: Importe aus den USA in die EU und Exporte aus der EU in die USA in den fünf wichtigsten Warengruppen

Die Europäische Union ist der wichtigste Exportmarkt für die USA, was wiederum die Bedeutung des US-Marktes für Einkaufsteams in Europa verdeutlicht. Zu bedenken ist, dass die Ergebnisse der US-Senatswahlen verschiedene potenzielle Machtszenarien zwischen beiden politischen Parteien schaffen können. Für diesen Artikel möchten wir die Situation jedoch vereinfachen und zwei Szenarien und ihre jeweiligen Auswirkungen auf den Einkauf erörtern.

Wie sehen die Szenarien aus?

Der folgende Abschnitt beleuchtet die beiden Szenarien und ihre politischen Auswirkungen aus Sicht des Einkaufs:

  • Szenario 1: Joe Biden, Vertreter der Demokraten, gewinnt die Wahl.
  • Szenario 2: Donald Trump, Vertreter der Republikaner, gewinnt die Wahl.

Szenario 1: Die Demokraten gewinnen die Wahl und die USA könnten sich der EU wieder annähern

Aus unserer Sicht gibt es drei wichtige Hinweise aus Bidens Wahlkampagne, die für Einkaufsteams relevant sind.

Erstens plant Biden, die von Trump beschlossenen Handelsmaßnahmen teilweise zurückzunehmen, um die historische Zusammenarbeit zwischen den USA und der EU wieder aufzubauen. Die Demokraten sehen hier das Potenzial für ein Bündnis, das wirtschaftlich mit China konkurrieren kann und so ein Gleichgewicht der globalen Mächte schafft. Daher plant Biden eine Überarbeitung der Import- und Handelsbestimmungen, insbesondere mit der EU.

Zweitens hat Biden eine zusätzliche Investition von zwei Milliarden USD in den „Green New Deal“ angekündigt, mit dem der Klimawandel bekämpft werden soll. Die Investition soll saubere Energie fördern und die Emissionen durch einen schrittweisen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen reduzieren. Bidens Initiative überschneidet sich mit den europäischen 7-Jahres-Budgets für eine „Green Economy“. Diese Investition hat – als nationaler und globaler Anreiz für Investitionen in verwandte Branchen – makroökonomische Auswirkungen.

Drittens plant Biden, von Trump beschlossene Steuersenkungen und Deregulierungen rückgängig zu machen. Zum Beispiel sieht seine Steuerpolitik eine Erhöhung der Unternehmenssteuern von 21 % auf 28 % vor. Zusätzlich möchte er eine Mindeststeuer auf Bucherträge für Unternehmen einführen. Trotzdem liegt das angestrebte Steuerniveau von 28 % immer noch unter dem Steuersatz vor Trump. Darüber hinaus unterstützt Biden nachdrücklich das protektionistische Prinzip „Buy American“, um einheimische Produkte zu stärken.

Szenario 2: Die Republikaner gewinnen die Wahl und die US-Regierung setzt die derzeitige politische Linie fort oder verschärft sie

Ein Sieg von Trump als republikanischer Kandidat hätte drei wichtige Auswirkungen.

Erstens möchte Trump amerikanische Produkte und Waren weiter stärken und damit die bestehenden Handelsbestimmungen verschärfen, z. B. Einfuhrzölle auf Autos. Vor kurzem hat die EU mit dem Entwurf von Gegenmaßnahmen begonnen, die den Zoll betreffen würden. Diese könnten die Beziehung zu den USA weiter verschlechtern.

Zweitens wird die Fortsetzung der „America first“-Wirtschaft Ängste auf den Weltmärkten schüren. Trumps Außenpolitik zielt darauf ab, die Abhängigkeit von China zu beenden. Die Wirtschaft soll als geografische Machtdemonstration der USA dienen. Es bleibt jedoch unklar, ob diese Strategie der amerikanischen Wirtschaft nicht letztendlich schaden wird. Dies wird wahrscheinlich zu einer größeren geopolitischen Volatilität auf globaler Ebene und zu höheren Risiken für mittel- und langfristige Investitionen und Einkaufsentscheidungen führen.

Drittens wird erwartet, dass Trump weitere Deregulierungen und Steuersenkungen beschließt. Er glaubt, dass diese beiden Maßnahmen Produkte „Made in America“ stärken, und erwartet positive Auswirkungen auf den Arbeits- und Aktienmarkt. Wahrscheinlich wird es jedoch zu einem weiteren Anstieg der Staatsverschuldung kommen.

Auswirkungen auf den Einkauf in Europa

Abb. 2: Der Ausgang der US-Wahlen 2020 wird sich auf die europäischen Einkaufsteams auswirken mit branchenspezifischen Unterschieden.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen 2020 wird Auswirkungen auf den Einkauf haben, wobei die Branchen in unterschiedlicher Weise betroffen sein werden. Im Folgenden werden wir pro Szenario drei mögliche Hauptauswirkungen für den Einkauf darstellen.

Szenario 1: Ein Sieg der Demokraten bietet europäischen Einkaufsteams neue Chancen und Herausforderungen

Die Rücknahme von Handelsmaßnahmen wird Einkaufsentscheidungen vereinfachen. Folglich wird der Einkauf von amerikanischen Lieferanten einfacher und aufgrund niedrigerer oder fehlender Zölle auch günstiger.

Der amerikanische und der europäische „Green New Deal“ verfolgen ähnliche Ziele zur Bekämpfung des Klimawandels. Diese gemeinsame Basis bietet die Chance für eine erneute Zusammenarbeit der beiden Mächte. Daher sollten sich Einkaufsorganisationen auf eine mögliche Zusammenarbeit und Co-Innovation mit US-amerikanischen Lieferanten vorbereiten, was zu Wettbewerbsvorteilen führen könnte.

Biden plant einen vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, die derzeit die drittwichtigste Exportwarengruppe der USA in die EU ausmachen. Folglich sollten europäische Einkaufsteams proaktiv alternative Bezugsquellen identifizieren und eng mit Technikexperten zusammenarbeiten, um den Weg für die Verwendung erneuerbarer Kraftstoffe zu ebnen.

Szenario 2: Ein Sieg der Republikaner erfordert robuste Einkaufslösungen, um die globale Unsicherheit zu bewältigen

Als Reaktion auf die möglichen Handelskonflikte benötigt der Einkauf ein gutes Risikomanagement. Wir erwarten, dass Category Manager Backup-Pläne erstellen, um Lieferanten bei Bedarf ersetzen zu können. Entscheidend für solche Risikomanagement-Initiativen ist jedoch die Geschwindigkeit ihrer Umsetzung. Für in Europa ansässige Einkaufsteams erwarten wir eine weitere Verlagerung nach Asien als wichtigstem Beschaffungsmarkt.

Wir empfehlen, Risikomanagement- und Einkaufsentscheidungsprozesse durch Datenanalysen zu stützen, um eine vollständige Transparenz der Lieferkette zu gewährleisten. Dies erfordert detaillierte, z. B. geografisch diversifizierte Analysen für eine vollständige Transparenz entlang der Lieferkette, um einen Überblick über die jeweiligen Ausgaben und die Risikoexposition zu erhalten. Ein ständig aktualisierter Überblick über Waren und Dienstleistungen aus den USA, die Festlegung alternativer Bezugsquellen sowie ein entsprechender Umsetzungsplan sind zwingend erforderlich. Für einige Branchen, z. B. für Verkehrsflugzeuge, kann dies schwierig werden, da nur begrenzte alternative Bezugsquellen verfügbar sind.

Neue Handelsbestimmungen könnten dazu führen, dass Unternehmen nach Möglichkeiten suchen, sie zu umgehen. Eine mögliche politische Antwort der EU könnte sein, dass Einfuhrzölle auf Flugzeuge erhoben werden. Wir empfehlen, Make-or-Buy-Entscheidungen neu zu bewerten und zusätzlich globale Produktionsentscheidungen zu überdenken. Dadurch können sich Möglichkeiten ergeben, die negativen Auswirkungen zunehmend angespannter Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU zu mildern.

Letztendlich bleibt die Unsicherheit bestehen, unabhängig davon, wer Präsident sein wird. Umso wichtiger ist es, dass sich der Einkauf an die jeweilige Situation anpasst.

Hat Ihr Unternehmen strategische Initiativen umgesetzt, um die möglichen Auswirkungen der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu bewältigen? Wenn ja, welche Risiken fürchten Sie am meisten und wo sehen Sie Chancen? Wir freuen uns auf interessante Diskussionen und einen Gedankenaustausch mit Ihnen!

Wir danken Felix Kesselberg für seinen Beitrag zu diesem Artikel.

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