Die Gestaltung eines zuverlässigen und reibungslosen Suppply-Chain-Netzwerks ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu zukunftssicheren Lieferketten im Lebensmitteleinzelhandel. Wie das funktioniert, erfahren Sie hier.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über die Konzeption von Lieferketten für den Lebensmitteleinzelhandel der Zukunft. In unseren vorangehenden Artikeln haben wir die zunehmende Bedeutung diversifizierter Vertriebskanäle geschildert, wir haben die Vorteile im Hinblick auf die Kosten der Gesamtlieferkette aufgezeigt und Einblicke in Konzepte für flexible Lieferformate gegeben. In diesem Artikel konzentrieren wir uns nun auf das Netzwerkmodell des Einzelhändlers als zentralen Faktor für eine erfolgreiche Lebensmittellieferkette sowie auf die primären Designparameter für die finale Lösung.

Grafik 1: Leitprinzipien für die Supply Chain im Lebensmitteleinzelhandel

Bis dato wurde die Einzelhandelslogistik, wie in den meisten anderen Branchen auch, als reiner Kostenfaktor wahrgenommen, der so niedrig wie möglich sein sollte. Im Allgemeinen wird die Logistik oft an globale 4PL-Dienstleister oder regional spezialisierte 3PL-Dienstleister ausgelagert. Im Einzelhandel ist ein gegenteiliger Trend zu beobachten: So finden derzeit ein Ausbau und eine Modernisierung interner Logistikkapazitäten statt. Nur isolierte Commodity-Services werden outgesourced. Hauptgrund für diese Entwicklung ist der Umstand, dass die Logistik im Lebensmitteleinzelhandel ein Mehrwertdienst und potenzielles Differenzierungsmerkmal ist, mit direkten Auswirkungen auf für den Kunden wichtige Servicekriterien wie Verfügbarkeit, Frische, Komfort usw. Vor allem Premium-Einzelhändler mit breitem Angebot müssen ein komplexes Logistiknetzwerk einrichten und verwalten, um die strukturierte Flexibilität zu erreichen, die heute im Einzelhandelsgeschäft gefordert wird.

Auf der einen Seite muss das Netzwerk gut abgestimmt funktionieren, um (kosten-)effizient zu sein, auf der anderen Seite muss die Prozesslandschaft die unterschiedlichen Anforderungen der Kunden und Vertriebskanäle erfüllen. Wir bei CAMELOT sehen zwei primäre Zielsetzungen bei der Konzeption eines Logistiknetzwerks für den Einzelhandel.

Zuverlässiges und effizientes Netzwerkdesign

Das physische Netzwerk muss die Geschäftskontinuität sicherstellen und die Grundlage für eine nahtlose Interaktion schaffen. Eine unmittelbare Herausforderung, die sich etablierten Einzelhändlern stellt, sind ihre Altlasten, d.h. das bestehende Netzwerk. Die Bedürfnisse der heutigen Kunden, Angebots-/Nachfragezentren, die Wettbewerbslandschaft sowie die nationale Infrastruktur haben sich verlagert im Vergleich zu dem Zeitpunkt, zu dem die meisten Netzwerke ursprünglich konzipiert wurden. Obwohl diese Elemente weiterhin sehr wertvoll sind, bieten sie nicht das „Gesamtpaket“. Eine sorgfältige Analyse ist erforderlich, um selektive Erweiterungen oder Änderungen der Netzwerke zu identifizieren. Im Zuge der Zunahme des E-Commerce wird ein aktualisiertes Omnichannel-Netzwerk (beispielsweise mit mehr und kleineren Distributionszentren mit geringerer Reichweite) geschäftskritisch.

Ein weiteres entscheidendes Element für das strukturelle Design sind Netzwerkstufen. Die Feststellung, welche Funktionen ein Distributionszentrum erfüllt und wie es in die Gesamtstruktur eingebettet ist, bildet die Grundlage für den Materialfluss. Im Markt gibt es zahlreiche erfolgreiche Lösungen, von denen jede zur Gesamtgeschäftsstrategie des Unternehmens beiträgt. Da Discounter auf einen raschen Umschlag abzielen, ist ihr Netzwerk vorwiegend auf einstufigen und autonomen Distributionszentren aufgebaut. Vollsortiment-Einzelhändler setzen meist eine mehrstufige Lösung ein, die eine Trennung von langsam und schnell drehenden Produkten oder unterschiedlichen Lösungen ermöglicht, abhängig vom Produktsortiment des jeweiligen Distributionszentrums (siehe Grafik 2). Das „richtige Vorgehen“ hängt einzig von den spezifischen Anforderungen des Einzelhändlers und von seinem Tätigkeitsgebiet ab.

Grafik 2: Beispiele für die Struktur nationaler Netzwerke

Häufig sind stärker spezialisierte Hubs erforderlich, um einen bestimmten Supply-Chain-Service zu ermöglichen. Eine gängige Herausforderung sind zum Beispiel Engpässe in der Infrastruktur, die den normalen Geschäftsablauf einschränken. Dicht besiedelte Stadtzentren, Inseln oder schlecht ausgebaute Straßen sind der primäre Grund, weshalb bestimmte Gebiete im Rahmen des Standard-Netzwerks und bevorzugten Lieferkonzepts nicht erreichbar sind. Zusätzliche Cross-Docking-Hubs oder kleinere Lagerhäuser können als natürliche Ergänzung eines Netzwerks fungieren. Ein weiteres Problem, das wir bei CAMELOT oft beobachten, ist die Berücksichtigung diversifizierter Vertriebskanäle durch die Netzwerkstruktur eines Einzelhändlers. Vor allem Convenience- oder E-Commerce-Formate haben ganz andere Anforderungen als herkömmliche Geschäfte. Hier gilt es sorgfältig abzuwägen, ob ein Service spezielle und separate Lösungen rechtfertigt. Dies hängt in erster Linie von Marktvolumen und Wachstumsprognosen ab. Besondere Aufmerksamkeit ist bei der Integration dieser spezialisierten Lösungen (beispielsweise Dark Stores oder Fast Fulfillment Hubs) in das bestehende Netzwerk erforderlich. Deren spezifische Prozessanforderungen müssen berücksichtigt werden, da ihre Abstimmung eher der von Läden ähnelt als der zwischen Distributionszentren.

Schlankes und reibungsloses Prozessdesign

Die zweite Zielsetzung ist eine Netzwerkstruktur, die trotz der unvermeidlichen Komplexität der Einzelhandelslogistik ein reibungsloses und schlankes Prozessdesign ermöglicht. Ein zentrales Element ist dabei der Abbau von Komplexität und die Optimierung der  Prozessabläufe. Das Netzwerk schafft die Grundlage für dieses Konzept, indem, wo immer möglich und erforderlich, eine operative Spezialisierung gefördert wird. Typische Anwendungsfälle sind die Trennung von Abläufen nach Artikelumschlag (langsam/schnell drehende Waren), nach Packungseinheiten (Palette/Einheit/Einzelprodukt) oder nach den Anforderungen für Lagerung/Handhabung/Lieferung. Trotz potenziell vorhandener Kapazitäten kann es sinnvoll sein, das Netzwerk zu erweitern, um die operative Performance und Qualität zu verbessern.

Lagerautomatisierung und -digitalisierung ist ein weiterer Trend der letzten Jahre, der sich immer weiter durchsetzt. Vor allem in einkommensstarken Ländern haben Einzelhändler hier massiv investiert. Obwohl alle Bereiche eines Distributionszentrums davon betroffen sind, bieten Kommissionierungslösungen in der Regel die größte Investitionsrentabilität. Wir bei CAMELOT sind der Meinung, dass eine potenzielle Lösung hier sorgfältig ausgewählt werden sollte. Nicht alle Sortimente haben die gleichen Kommissionierungsanforderungen, und die praktische Umsetzung lässt sehr schnell Schwachstellen erkennen, wenn nicht von Anfang an umsichtig geplant wurde. Grafik 3 zeigt die allgemeine Kompatibilität von Kommissionierungskonzepten nach Produktkategorie, ausgehend von unserer Erfahrung aus zahlreichen Projekten.

Grafik 3: Eignung von Kommisionierungssystemen für Produktkategorien

Als Nächstes wollen wir betonen, wie wichtig ein reibungsloser vor- und nachgelagerter Materialfluss. Das Design des Einzelhandelsnetzwerks muss berücksichtigen, wo sich die Bestände befinden, wie diese für bessere Reaktionsfähigkeit und Bewegbarkeit auf ein Minimum beschränkt werden können, wo sich die Übergabepunkte von den Lieferanten befinden und wie eine strukturierte Rückgabe von Transporteinheiten, Wertstoffen und Produkten erfolgen kann. Wenn der zurückkommende Fluss nicht parallel zu den ausgehenden Flüssen ist, muss sichtbar gemacht werden, wie die Handhabung im Distributionszentrum und das Transportmanagement ineinandergreifen, so dass kein konzeptionsbedingter Stillstand oder Überschuss auftritt. Einzelhandelslogistik beruht auf einem geschlossenen Kreislauf.

Und nicht zuletzt hat auch die organisatorische und kulturelle Bereitschaft für bestimmte Ansätze und Lösungen erhebliche Auswirkungen auf eine Netzwerkstruktur. Ein Netzwerk wird von Menschen verwaltet, die bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen müssen, um die täglichen Prozesse und somit das zugrundeliegende Netzwerkdesign zu bedienen. Wenn also ein komplexes Netzwerk mit einer spezialisierten Lösung konzipiert werden soll, muss auch die organisatorische Reife erreicht werden. In einigen Fällen ist der Ausgangspunkt für eine Neugestaltung eines Fulfillment-Netzwerks nicht nur eine rationale Analyse der Supply-Chain-Grundlagen, sondern auch eine Analyse der Kultur der Organisation, die im Laufe der Zeit durch harte Beschränkungen enstanden ist.

Insgesamt bilden Lieferketten im Lebensmitteleinzelhandel eine hochgradig komplexe und dynamische Umgebung. Neben der Konzeption eines leistungsfähigen, flexiblen und zuverlässigen Netzwerks oder der Synchronisierung der Integration von Vertriebs- und Logistikfunktionen ist auch die Einrichtung eines durchgehenden Planungsprozesses und organisatorischen Aufbaus entscheidend.

Folgen Sie weiter unserer Blogserie zu diesem Thema. Falls Sie weitere Details wünschen, können Sie uns gerne auch direkt kontaktieren.

Dieser Artikel ist der fünfte Teil unserer Blogserie zur Gestaltung einer zukunftssicheren Supply Chain im Lebensmitteleinzelhandel. Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Lebensmitteleinzelhandel: der Weg zur Supply Chain der Zukunft

Teil 2: Die drei Prinzipien zukunftssicherer Supply Chains im Lebensmitteleinzelhandel

Teil 3: Lebensmitteleinzelhandel: So passen Sie Ihre Supply Chain an Marktanforderungen an 

Teil 4: So steigern Sie den Absatz in Einzelhandels-Supply-Chains

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