Flexible Lieferformate sind eines der Kernprinzipien für die Gestaltung zukunftssicherer Supply Chains im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) geht. On-Demand-Lieferungen und Mehrwertservices in der Supply Chain können dazu beitragen, die Absatzleistung deutlich zu erhöhen.

In unserem letzten Artikel haben wir über flexible Lieferformate als wichtiges Element erfolgreicher LEH-Supply Chains geschrieben. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie man durch Anpassung der Mindestbestellmenge, die Nutzung erweiterter Prognosemethoden sowie mit neuen Arten der Steuerung von Promotions Nachfrage und Lieferung in den unterschiedlichen Vertriebskanälen aufeinander abstimmen kann. In diesem Artikel geht es um zwei weitere Elemente einer End-to-End Supply-Strategie im Lebensmitteleinzelhandel: eine differenzierte Lieferstrategie und Logistik als interner Mehrwertservice. Abb. 1: Eines der Kernprinzipien der LEH-Supply Chain der Zukunft: flexible Lieferformate

Differenzierte Lieferstrategie

In der Branche ist es üblich, sehr frische SKU wie Fisch oder täglich zubereitete Mahlzeiten sehr häufig zu liefern. Mehrere Lieferungen pro Tag an einen Supermarkt sind nichts Ungewöhnliches, um Frische zu gewährleisten. Trockenwaren oder tiefgefrorene SKU werden wiederum seltener geliefert. Insbesondere bei Convenience Stores mit geringerer Nachfrage wird weniger Augenmerk auf die Lieferungen gelegt. In Abbildung 2 ist auf der linken Seite die Nachfrage und Lieferung von Trockenwaren eines Convenience Stores beispielhaft dargestellt. Der Supermarkt wird zweimal in der Woche, nämlich montags und mittwochs, beliefert.

  • Der Store weist einen überdurchschnittlichen Fehlbestand auf, was auf eine schlechte Abstimmung von Lieferung und Nachfrage zurückzuführen ist. Wie bereits in einem früheren Artikel beschrieben, stellt die Nachfrageprognose für einen Convenience Store eine größere Herausforderung dar als für einen herkömmlichen Supermarkt. Am Wochenende ist die Nachfrage in der Regel höher. Die Montags- und Mittwochslieferungen ziehen eine größeren Zeitraum der Unsicherheit nach sich, insbesondere im Hinblick auf die Phasen mit einer höheren Nachfrage. Da Convenience Stores nur eine begrenzte Ladenfläche zur Verfügung haben, können sie keine Puffer für eine höhere Nachfrage einrichten, die bei schwierigen Prognosen und langen Nachbestellungszeiten erforderlich sind.
  • Als zweiter Aspekt kommt hinzu, dass der Laden Lieferspitzen betrieblich kaum handhaben kann. Am Mittwoch kommen zu den Lebensmittellieferungen weitere Lieferungen direkt vom Lieferanten (Getränke) sowie Frischwaren am selben Tag hinzu. Convenience Stores werden mit wenig Personal betrieben und haben keinen Lagerraum, in dem sie SKU vorübergehend lagern können. Die gelieferten Paletten werden direkt im Verkaufsbereich abgestellt. Dort entnimmt das Verkaufspersonal die Produkte direkt aus den Paletten und sortiert sie in die Regale ein. Da die drei Paletten sich gegenseitig behindern, nimmt das Sortieren, Prüfen und Nachfüllen der Regale in der Regel längere Zeit in Anspruch. Auch das Kundenerlebnis wird erheblich gestört, da ein Teil des Ladens nicht zugänglich ist und die SKU sich trotz ihrer Lieferung nicht im Regal befinden.

Abb. 2: Beispiele für Liefer- und Nachfragemuster

Aus unserer Sicht müssen die Lieferungen geändert werden, damit sie besser zur Nachfrage passen.

  • Ein Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen, sind kombinierte Lieferungen von Trocken- und Kühlwaren auf der Grundlage des Liefermusters für Frischwaren. Damit wird nicht nur der Zeitraum der Unsicherheit für Trockenwaren verringert, sondern es werden auch die Lieferspitzen abgebaut. Die SKU können direkt in den Regalen platziert werden. Eine wichtige Voraussetzung für kombinierte Lieferungen ist natürlich die Möglichkeit, Paletten zu mischen und aufeinander abstimmen zu können, zum Beispiel in einem Cross-Docking-Bereich.
  • Ein zweite Lösung könnte die Verlängerung des Lieferzeitraums auf die Zeit außerhalb der Öffnungszeiten sein, also Nacht- oder Sonntagslieferungen, sofern die Lärmvorschriften dies zulassen. Damit würde sich die Lieferung erforderliche Zeit aufgrund weniger voller Straßen verringern, was wiederum mehr Zeit für enger getaktete Lieferungen bedeutet.
  • Die Nachtlieferung sollte auch für Dark Stores das bevorzugte Nachschubmodell sein. Da Dark Stores nicht direkt in den Ortszentren liegen, sollten Gesetzesvorschriften kein Problem darstellen. Bestellungen, bei denen die Lieferung nicht am selben Tag erfolgt, könnten gemäß der speziellen Kundenanforderung einfach in der Nacht vor der Zustellung an den Kunden vom Distributionszentrum an den Dark Store geliefert werden. Bei dieser Option würde das Transportnetz bei freien Straßen optimal ausgenutzt werden.

Logistik als interner Mehrwertservice

Neben den zuvor genannten Gestaltungsoptionen gibt es unserer Ansicht nach zwei weitere Möglichkeiten, um die Absatzleistung des eines Store zu steigern. Eine Supply-Chain-gerechte Verpackung und eine ladenfreundliche Palettierung erhöhen die Effizienz bei der Auffüllung im Laden.

  • Eine mögliche Option zur Erhöhung der Effizienz ist die Supply-Chain-gerechte Verpackung. Sie lohnt sich bei häufig nachgefüllten Produkten, da sich damit die für ihre Aufstellung benötigte Zeit verringert. Dem gegenüber stehen zusätzliche Verpackungskosten und ein höherer Bedarf an Regalplatz. Auf der anderen Seite ist eine nicht regalfertige Verpackung in der Ladengestaltung flexibler zu handhaben und es ist keine zusätzliche Verpackung notwendig. Die Entscheidung für oder gegen eine regalfertige Verpackung muss daher von Fall zu Fall getroffen werden.
  • Für Werbeaktionen sollten regalfertige Packungen verwendet werden. Dabei werden volle Promotionsstände an die Läden geliefert und danach regelmäßig aufgefüllt, statt Stände und Produkte separat zu liefern. Hierfür sind jedoch etwas mehr Anstrengungen und Investitionen in die Stabilität und die Systemintegration (mehrere SKU) der Stände erforderlich. Es kommt letztlich aber der Logistik im Laden, der Reaktionsfähigkeit auf dem Markt und der Auslastung der Lastkraftwagen zugute. Außerdem gibt es heute auch wiederverwendbare Promotionsstände mit austauschbaren Fassaden.
  • Die Positionierung der SKU im Lager sollte der Anordnung im Laden entsprechen. Die Anordnung im Lager entscheidet über die Entnahmereihenfolge für eine Palette, denn die Reihenfolge ergibt sich durch die Anordnung der Artikel nebeneinander. Bei der Anordnung sollten drei Anforderungen beachtet werden. Die Stapelbarkeit erfordert, dass SKU, die in der Palette ganz unten platziert werden müssen, als Erstes entnommen werden. Bestimmte Artikel müssen voneinander getrennt werden, zum Beispiel Lebensmittel und bestimmte Nicht-Lebensmittel wie Reinigungsmittel. Zweitens ist ein Lager auf den Umschlag optimiert. Schnelldreher werden an leichter zugänglichen Orten platziert, Langsamdreher am Ende. Damit bei der Auffüllung im Laden eine Palette direkt in den richtigen Gang gebracht werden kann, muss im Lager sichergestellt werden, dass Produktgruppen und verwandte Produktgruppen in der Nähe voneinander platziert werden, so wie sie im Laden angeboten werden. Auf diese Weise reduziert sich die für den Auffüllung erforderliche Zeit erheblich. Eine Kennzahl für diese Empfehlung ist der Mischfaktor, der beschreibt, wie viele Artikel einer Kategorie sich auf einer Palette befinden. Nach unserer Erfahrung liegt der Mischfaktor bei etwa 70 %, wenn das System optimal eingestellt ist.
  • Ladungsträgerhandling für Befüllung und Retouren kann ebenfalls den Arbeitsaufwand verringern. Derzeit geht bei der Befüllung von Regalen und bei der Herausnahme von Produkten aus den Regalen und ihrem Rückversand viel Zeit verloren durch ungeeignete oder abgenutzte Ladungsträger (Rollkäfige, Paletten usw.). Die Ladungsträger müssen geeignet, anpassbar, ineinander stapelbar oder zusammenklappbar sowie in einem guten Zustand sein.

Abb. 3: Beispiel für den Mischfaktor bei Paletten

Fazit und Ausblick

Eine differenzierte Lieferstrategie mit kombinierten Lieferungen und verlängerten Lieferzeiträumen kann dazu beitragen, Fehlbestände zu verringern und die Vorgänge im Laden effizienter zu gestalten. Logistik als interner Mehrwertservice unter Zuhilfenahme regalfertiger Verpackungen und einer klugen Positionierung von SKU im Lager verbessert die Laden-Performance zusätzlich. Im nächsten Artikel werden wir das physische Lieferkettennetz als zweites Leitprinzip für die zukunftssichere Lieferkette im Lebensmitteleinzelhandel vorstellen.

Dieser Artikel ist der vierte Teil unserer Blogserie zur Gestaltung einer zukunftssicheren Supply Chain im Lebensmitteleinzelhandel. Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Lebensmitteleinzelhandel: der Weg zur Supply Chain der Zukunft

Teil 2: Die drei Prinzipien zukunftssicherer Supply Chains im Lebensmitteleinzelhandel

Teil 3: Lebensmitteleinzelhandel: So passen Sie Ihre Supply Chain an Marktanforderungen an 

Teil 5: Das Supply-Chain-Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel

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