Die COVID-19-Pandemie stellt eine große Herausforderung für die oft ineffizienten Wertschöpfungsketten in der Biotech-Branche dar. In einer kurzen Reihe von Artikeln gehen wir der Frage nach, wie Biotech-Unternehmen durch die Gestaltung eines innovativen Wertschöpfungskettenmodells Effizienz, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit verbessern können.

Gestaltung des Betriebsmodells für Biotech-Wertschöpfungsketten

Die COVID-19-Pandemie stellt nicht nur für Bevölkerungen und Gesundheitssysteme eine Herausforderung dar, sondern auch für Wertschöpfungsketten, insbesondere von Pharmaunternehmen. Einerseits kommt es zu Personalknappheit und Materialengpässen, zudem treten die Schwachstellen der bestehenden Infrastruktur zutage. Andererseits nimmt die Nachfrage nach Arzneimitteln und medizinischen Produkten enorm zu. Gerade die meist noch jungen Biotech-Unternehmen müssen ihre Wertschöpfungskettenstrategien und ihre Ansätze für Optimierung und Risikomanagement überdenken und aktualisieren. Sie benötigen ein innovatives Wertschöpfungskettenmodell, das ihnen dabei hilft, besser in strategischen Szenarien zu planen, Risiko und Zuverlässigkeit in den Mittelpunkt zu stellen und externe Partnernetzwerke effektiv zu verwalten.

Biotech verändert den Life-Science-Markt

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind in pharmazeutischen Wertschöpfungsketten an die Stelle der früher vorherrschenden niedermolekularen Arzneimittel, die in großen Mengen durch chemische Synthese hergestellt wurden, zunehmend biologische Arzneimittel getreten, die mithilfe lebender Organismen und Zellen produziert werden. Diese biologischen Präparate existieren nicht nur in den Pipelines klinischer Studien, sondern beherrschen auch das Wachstum auf dem kommerziellen Markt.

Was ganz allmählich begann, erweist sich nun, wie die Zahlen belegen, als vollständige Transformation des Geschäfts mit innovativen Arzneimitteln. Zwischen 2010 und 2018 hat der Umsatzanteil von Biotech-Produkten am globalen Pharmamarkt stetig zugenommen, von anfangs 18 % im Jahr 2010 auf 28 % im Jahr 2018. Bis 2024 dürfte er laut den Prognosen auf etwa 32 % steigen.[1]

Abbildung 1: Biotech verändert den Life-Science-Markt: wichtige Fakten und Zahlen

Die Zunahme biologischer Präparate ist ein Phänomen, das nicht nur in den USA oder in Europa zu beobachten ist. Weltweit haben sich die klinische Forschung und die Vermarktung auf diesem Gebiet rasant beschleunigt. Beispielsweise ist der Umsatz im Bereich der biopharmazeutischen Produkte in China zwischen 2012 und 2016 von 9,4 auf 22,8 Milliarden US-Dollar gestiegen (fast 25 % pro Jahr) und es wird davon ausgegangen, dass der Markt auch weiterhin in diesem Tempo wächst. 2021 dürfte das Umsatzvolumen demnach bei 48,8 Milliarden US-Dollar liegen[2]. Darüber hinaus wurde auf einigen hochmodernen Gebieten wie etwa in der modernen Zell- und Gentherapie eine der weltweit größten Pipelines aufgebaut.[3]

Biologische Arzneimittel entwickeln sich ständig weiter und bilden keineswegs eine homogene Gruppe. Zuerst brachten Unternehmen die sogenannten biologischen Präparate der ersten Generation auf den Markt, bei denen es sich in erster Linie um rekombinante Proteine und Impfstoffe handelte. Es folgten moderne biologische Präparate (vor allem Antikörper und mAbs) sowie Zell- und Gentherapien, also personalisierte Therapien mithilfe von Zellen des Patienten oder Spendermaterial. In diesem Artikel befassen wir uns mit modernen biologischen Präparaten und stellen einige Bezüge zu personalisierten Behandlungen her. Im nächsten Artikel werden wir die besonderen Herausforderungen im Zusammenhang mit Zell- und Gentherapien sowie mögliche Lösungen genauer betrachten.

Biotech-Wertschöpfungsketten bedeuten besondere Herausforderungen

Schauen wir uns die Wertschöpfungskette für Unternehmen, die moderne biologische Präparate herstellen, einmal genau an (siehe Abbildung 2) und berücksichtigen dabei den gesamten Ablauf von der Entwicklung bis hin zum Vertrieb und der Patientenversorgung. Sie besteht aus fünf Hauptphasen und einer Reihe übergeordneter / unterstützender Aktivitäten.

Abbildung 2. Vereinfachtes Wertschöpfungskettenmodell für moderne biologische Produkte

Wenn man sie auf diese Weise aus der Vogelperspektive betrachtet, hat es möglicherweise den Anschein, dass sich die Wertschöpfungsketten in der Pharma- und der Biotech-Industrie sehr ähnlich sind. Schaut man jedoch genauer hin, unterscheiden sich die Wertschöpfungsketten für moderne biologische Präparate sowie Zell- und Gentherapien oft ganz erheblich von denen in der traditionellen Pharmaindustrie. Die größten Unterschiede zwischen der traditionellen Medizin, modernen biologischen Präparaten und Zell- und Gentherapien werden in Abbildung 3 unten dargestellt.

Biologische Präparate verändern unaufhaltsam die Branche, gleichzeitig gibt es jedoch besondere Herausforderungen für ihre Wertschöpfungsketten, die ihr Geschäftsmodell zunehmend unter Druck setzen und höhere Risiken zur Folge haben. Unserer Ansicht nach sind es insbesondere folgende Herausforderungen, die bewältigt werden müssen:

  • Die Notwendigkeit erheblicher Kapitalinvestitionen bei hoher Nachfrageunsicherheit
  • Mehr variable und unzuverlässige Prozesse machen ein exzellentes Risikomanagement erforderlich
  • Asset-light-Wertschöpfungsketten mit einem komplexen Ökosystem externer Partner und einer Vielzahl vielfältiger, innovativer Ansätze für Partnerschaften
  • Erhebliche Herausforderungen in Bezug auf die Qualität, die oft mit der Leistung externer Lieferanten verbunden sind
  • Notwendigkeit permanenter Markteinführungen sowie der Transformation von einem wissenschaftlich geprägten Umfeld hin zu einer reibungslosen Integration von Wissenschaft und kommerzieller Herstellung

Abbildung 3: Die Haupteigenschaften der 3 Arten pharmazeutischer Produkte: traditionelle Medizin, moderne biologische Präparate sowie Zell- und Gentherapien[4]

Aber wie gestaltet und verwaltet man eine Biotech-Wertschöpfungskette am besten, um diese besonderen Herausforderungen effektiv anzugehen?

Biotech-Unternehmen brauchen ein neues Betriebsmodell für ihre Wertschöpfungskette

Inzwischen dürfte deutlich geworden sein, dass das traditionelle Betriebsmodell der Pharmaindustrie nicht für Biotech-Unternehmen geeignet ist. Denn die Kernprozesse, Fähigkeiten und Lösungen, die sie benötigen, unterscheiden sich grundlegend. Unserer Erfahrung nach gibt es zehn Fähigkeiten, verteilt auf vier Dimensionen, die wichtig sind, damit Biotech-Unternehmen das Potenzial ihrer Wertschöpfungsketten voll ausschöpfen können:

Abbildung 4: Zentrale Fähigkeiten in Bezug auf Wertschöpfungsketten, speziell für Akteure in der Biotech-Branche

In unserem nächsten Blogpost untersuchen wir die einzelnen Dimensionen und Fähigkeiten genauer. In der Zwischenzeit möchten wir Leser, die für Biotech-Unternehmen tätig sind, dazu einladen, an unserer aktuellen Umfrage unter Führungskräften zum Thema Wertschöpfungsketten in der Biotech-Branche teilzunehmen. Wir danken Ihnen für Ihren Beitrag zu unserer Forschung!

Wir möchten uns bei Camila Mendes und Marco Gorgas für den wertvollen Beitrag bedanken, den sie zu diesem Artikel geleistet haben.

Quellen:

[1] EvaluatePharma World Preview 2019, Ausblick bis 2024. EvaluatePharma, Juni 2019

[2] Vicky Xia. Robust growth for China’s Biopharma market. cphi.com 2018. Zugriff über: https://www.cphi.com/europe/visit/news-and-updates/pharma-outlook-12-trends-watch-2019

[3] Jia Xin Yu, Vanessa M. Hubbard-Lucey, Jun Tang. The global pipeline of cell therapies for cancer. Nat Rev Drug Discov. Oktober 2019;18(11):821-822. Zugriff über: https://www.nature.com/articles/d41573-019-00090-z am 08.11.2019

[4] Inmaculada Hernandez, Samuel W. Bott, Anish S. Patel, Collin G. Wolf, Alexa R. Hospodar, Shivani Sampathkumar, William H. Shrank. Pricing of Monoclonal Antibody Therapies: Higher If Used for Cancer? Am J Manag Care. 2018;24(2):109-112. Zugriff über: https://www.ajmc.com/journals/issue/2018/2018-vol24-n2/pricing-of-monoclonal-antibody-therapies-higher-if-used-for-cancer am 08.11.2019

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