Digitale Transformation ist derzeit eines der größten Schlagwörter in der Wirtschaft, das alle Unternehmensbereiche betrifft. Doch wie verändert sie die Zusammenarbeit zwischen Käufer und Lieferant? Im zweiten Teil unserer Artikelserie zu diesem Thema untersuchen wir anhand des Beispiels der Chemiebranche, in welchem Maß Unternehmen bereits digitale Tools zur Unterstützung des Lieferantenmanagements nutzen und welches Potenzial Führungskräfte für eine weitere digitale Transformation sehen.

Nutzung von Technologie zur Fokussierung auf strategische Aufgaben

Die digitale Transformation im Lieferantenmanagement umfasst die Unterstützung interner Prozesse durch Nutzung von Big Data und Automatisierung sowie die auf Lieferantenökosysteme und -portfolios gestützte Stärkung von Lieferantenbeziehungen.

Einer Studie von Gartner zufolge kamen jedoch geschätzte 60 % der 2017 getätigten Investitionen in Big Data nicht über die Pilot- und Erprobungsphase hinaus. Die Zahlen zeigen, dass es Unternehmen derzeit schwerfällt zu verstehen, wie Big Data in wertvolle Informationen und geschäftliche Erkenntnisse verwandelt werden können. Unsere aktuelle Studie über die Auswirkungen der digitalen Transformation auf das Lieferantenmanagement zeigt, dass Einkauf manager das Potenzial von Big Data und datenbasierter Entscheidungsunterstützung kennen. Alle Teilnehmer sehen die wesentlichen Vorteile einer digitalen Lösung in der Reduzierung der administrativen und betrieblichen Aufgaben zur Sammlung und Auswertung relevanter Lieferantendaten, die derzeit einen bedeutenden Teil ihrer täglichen Arbeit ausmachen. Umfassende und zentralisierte Informationen sind entscheidend, um beurteilen zu können, welche Lieferantenbeziehungen ein Potenzial für Innovation und eine wertschöpfende langfristige Zusammenarbeit haben, und welche Beziehungen reduziert oder auf dem aktuellen Niveau gehalten werden sollten, weil ihnen das Entwicklungspotenzial fehlt. Obwohl Anbieter digitaler Tools für Lieferantenmanagement bereits geeignete Lösungen anbieten, haben bislang nur wenige der befragten Unternehmen so umfassende Tools implementiert.

Kombination aus menschlichem Faktor und Auswirkungen der digitalen Transformation

Abgesehen von den Herausfordreungen im Zusammenhang mit Big Data-Implementierungen hat die digitale Transformation auch eine Kontroverse in Bezug auf das Zusammenspiel von automatisierten Aufgaben und Menschen ausgelöst. Wir erkennen bereits einen klaren Trend hin zur Automatisierung operativer Aufgaben und Entscheidungen. Zugleich sehen wir aber auch die Gelegenheit zu einer Weiterentwicklung des Lieferantenmanagements hin zu einem komplexeren Vorgang der Entscheidungsfindung, der nach wie vor auf die Intuition, das Vertrauen und die Erfahrung von Menschen angewiesen ist.

Vor allem die soziale Interaktion im Bereich des Lieferantenmanagements dürfte kaum durch automatisierte Entscheidungen ersetzt werden. Die Studienergebnisse stützen diese Erwartung und belegen eine zunehmende Automatisierung betrieblicher und administrativer Aufgaben sowie die menschliche Mitwirkung bei der strategischen Entscheidungsfindung und der Entwicklung persönlicher Lieferantenbeziehungen. Besonders die Identifizierung, Auswahl und das Onboarding von Lieferanten für nicht strategische Commodity-Produkte weisen ein hohes Automatisierungspotenzial auf.

Unternehmen haben bereits Tools implementiert, um Angebote von einer großen Gruppe von Lieferanten einzuholen oder Online-Kataloge für nicht strategische Produkte zu erstellen. Anbieter von Einkaufstools verweisen auf den Trend in Richtung offener Netzwerke und Marktplätze, über sich die jeweils am besten geeigneten Lieferanten auswählen lassen. Diese Netzwerke bieten transparente Informationen zu einer Vielzahl globaler Lieferanten und ermöglichen dem Lieferantenmanager die Identifizierung geeigneter Lieferanten ohne umfangreiche Marktanalysen. Außerdem gewährleisten sie aktuelle Informationen, da der Lieferant selbst für die Pflege seiner Daten verantwortlich ist.

Lieferantenwissen durch effektive Verwaltung von Lieferantendaten

Das nächste große Thema für die digitale Transformation im Lieferantenmanagement ist die weitere Entwicklung und Implementierung von Plattformtechnologien, die es zahlreichen Akteuren ermöglichen, über einen zentralisierten Kanal zu interagieren und zu kommunizieren. Plattformen sind die erste Stufe und Ausgangsbasis für Lieferantenökosysteme, die das Potenzial haben, die traditionelle Lieferkettenstruktur zu transformieren und die Zusammenarbeit zwischen Käufern und Lieferanten zu revolutionieren. Die Vorteile von Lieferantenökosystemen liegen in der Know-how-Bündelung aller Akteure in einer zentralisierten Wissensbasis sowie in der gesteigerten Transparenz entlang des gesamten Wertschöpfungsnetzwerks, die eine bessere Koordination sowie beispielsweise eine frühe Erkennung von Lieferengpässen ermöglicht. Dennoch sehen nur wenige Einkaufsverantwortliche kurzfristig solche Ökosysteme. Sie rechnen vielmehr damit, dass dieses Thema frühestens in zwei Jahren zum Tragen kommen und deutliche Vorteile erzielen wird.

Die wachsende Verfügbarkeit von Informationen und Daten führt zu einer höheren Transparenz bezüglich der Lieferanten. Diese Transparenz steigert die Austauschbarkeit von Commodity-Lieferanten, ermöglicht dem Lieferantenmanager die Auswahl des am besten geeigneten Partners für eine spezifische Geschäftsvereinbarung und könnte zu einem dynamischeren Lieferantenportfolio führen. Die zunehmende Automatisierung des Prozesses der Identifizierung und Auswahl von Lieferanten deutet in Richtung eines dynamischen Lieferantenportfolios für nicht strategische Commodity-Produkte.

Die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern wird dagegen gefördert und ausgebaut und gilt weiterhin als zentraler Faktor für Wettbewerbsvorteile. Wir sehen einen ungebrochenen Trend hin zur Reduzierung operativer Lieferantenbeziehungen, der Ressourcen für die Zusammenarbeit mit strategischen Lieferanten freisetzt.

Zusammenarbeit auf einer einzelnen Plattform als Voraussetzung für weniger Komplexität

Unsere Studie belegt das enorme Potenzial der digitalen Transformation im Lieferantenmanagement, zeigt aber zugleich auch die bislang geringe Nutzung digitaler Tools in der Praxis auf. Herausforderungen sind dabei vor allem menschlicher Widerstand gegenüber Veränderungen, fehlendes Know-how und mangelnde Standardisierung. Führungskräfte müssen eine konsistente digitale Strategie verfolgen, um die digitale Transformation zu koordinieren und den Mitarbeitern auf verständliche Weise nahezubringen. Darüber hinaus gilt es Schulungen sowie Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung anzubieten, um das interne Know-how der Mitarbeiter aufzubauen. Die technische Komponente erfordert mehr Aufwand, weil Prozesse standardisiert und Stammdaten bereinigt werden müssen, um wertvolle Informationen über die Lieferanten zu gewinnen.

Der Trend hin zu Lieferantenökosystemen kann jedoch nur dann ein Erfolg werden, wenn alle Akteure ihre Bemühungen koordinieren, um Netzwerkeffekte wirksam zu nutzen. Solange zu viele unterschiedliche Lösungen und Plattformen vorhanden sind, wird es schwierig bleiben, das gesamte Liefernetzwerk zu koordinieren. Unsere klare Empfehlung ist entweder ein branchenspezifisches Netzwerk oder, besser noch, eine weitere Konsolidierung bestehender Plattformen zu einem globalen Standard.

Teil I: Digitale Transformation – Was tut sich im Lieferantenmanagement I

Ich danke Carlotta Schüßler für ihren Beitrag zu diesem Artikel.

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