In meinem ersten Blogbeitrag zu Chemieparks in Europa und China habe ich über das Entstehen von Chemieparks in Europa und ihre aktuelle Situation gesprochen. Heute werde ich erläutern, wie chinesische Chemieparks von den in der westlichen Welt gemachten Erfahrungen profitieren können. 

Teil II: Wie China Chemieparks auf die nächste Stufe heben kann

Im Vergleich zu Europa stehen Chemieparks in China vor einer anderen Situation: Die meisten heute bestehenden Chemieparks wurden explizit mit dem Ziel gegründet, diverse Chemieunternehmen anzuziehen. Dies hat jedoch auch nicht zu einer idealen Situation geführt. Zu einigen aktuellen Problemen von Chemieparks zählen:

  1. Große Zahl an Parks
    Derzeit gibt es 381 Chemieparks von nationaler Bedeutung und wahrscheinlich mindestens noch einmal so viele lokale Parks – das sind insgesamt mehr als fünfmal so viele Parks wie in Deutschland. Auf den ersten Blick mag das kein Problem darstellen. Viele von ihnen sind jedoch noch ziemlich leer und es fehlt ihnen an der kritischen Masse, um mit den gemeinsam genutzten Dienstleistungen Skaleneffekte zu erzielen. Folglich beschränkt die Regierung ausdrücklich das Entstehen weiterer Chemieparks. Chemieparks, die die Standards nicht erfüllen, sollen umgebaut, verbessert oder ordnungsgemäß geschlossen werden.
  2. Geringe Managementfähigkeiten
    Während einige nationale Parks über ein hochprofessionelles Management verfügen, werden viele kleinere, vor allem in Westchina, von Regierungsbeamten mit wenig Erfahrung hinsichtlich der Bedürfnisse und Anforderungen von Chemieunternehmen geführt.
  3. Eingeschränkte Planungsmöglichkeiten
    Infolgedessen sind viele der kleineren Chemieparks bei der Planung und Integration der Dienstleistungen nicht optimal aufgestellt. Dadurch ergeben sich zahlreiche Probleme, z.B. bei Sicherheit und Umweltschutz, Abwasseraufbereitung, Behandlungsanlagen für gefährliche Chemieabfälle, Notfallpool für öffentliche Unfälle, Fahrzeugmanagement für den Transport gefährlicher Chemikalien, Gefahrenabwehr und Rettungseinsatzleitung usw.

Diese Schwachstellen derzeitiger chinesischer Chemieparks weisen jedoch auch auf die Vorteile hin, die durch Nutzung der im Westen gemachten Erfahrungen erzielt werden können. Das ist besonders relevant, da die Regierung einen allgemein gültigen Standard für Chemieparks und eine unabhängige Service-Infrastruktur für die Chemiebranche nachdrücklich unterstützt. In dieser Hinsicht kann China von den in europäischen Chemieparks gemachten Erfahrungen profitieren. Während es für Chemieparks bislang kein standardisiertes Betriebsmodell gibt, weisen die vorhandenen bewährten Modelle erhebliche Ähnlichkeiten auf und ermöglichen es somit, einige wichtige Faktoren für den Erfolg von Chemieparks zu bestimmen:

  • Separate Betreibergesellschaften mit Dienstleistungen für den Standort als Kerngeschäft.
  • Sie sollten sich auf Dienstleistungen (hauptsächlich Infrastruktur- und Versorgungsdienste sowie Verwaltung des Chemieparks) konzentrieren und nicht zum Kerngeschäft gehörende Dienste (z.B. Wartung und Analyse) Dritten überlassen.
  • Die Gemeinkosten sollten gering gehalten und transparent sein (skalierbare Preise mittels Service Level Agreements).
  • Die Beziehung zu den Mietern sollte auf eine Win-Win-Konstellation abzielen (durch Risiko- bzw. Gewinnteilung).

Nach meiner Erfahrung sind Betreibergesellschaften dann am effektivsten, wenn sie ihr Konzept auf mehrere Standorte anwenden und somit Synergien bezüglich Kosten und Fachwissen erzielen können. In Deutschland gibt es bereits einige Anbieter, die mehrere Standorte betreiben und das Wertversprechen von Chemieparks auf eine neue Stufe heben.

Ausblick

Diese Perspektive sollte für China noch attraktiver sein. Chemieparks könnten sogar eine neue, für Investoren in Industrieinfrastruktur interessante Anlageklasse werden. Es ist allerdings offen, ob und wann diese Vision Realität wird. China kann Europa bei der Entwicklung von Modellen für Chemieparks und entsprechenden Anbietern sicherlich überholen, da es das allgemeine Geschäftsumfeld für operative Unternehmen leichter macht, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und die Dienstleistungen des Chemieparks spezialisierten Anbietern zu überlassen. Das ideale Model fertig erschlossener Standorte, das in Europa aufgrund der vorhandenen Einschränkungen bestehender Standorte nur teilweise umgesetzt ist und für das es in Übersee einige erfolgreiche Vorzeigeprojekte gibt (z. B. Jurong Island, Singapur), könnte in China sein ganzes Potenzial entfalten. Die Zusammenarbeit mit europäischen Chemieparks oder die Inanspruchnahme ihrer Beratungsdienste kann die Entwicklung in diese Richtung weiter vorantreiben und Fallstricke bei der Entwicklung der chemischen Infrastruktur vermeiden.

Ich danke Dr. Kai Pflug für seinen Beitrag zu diesem Artikel.

 

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