Die türkische Regierung hat mit Wirkung zum 1. Januar ein wegweisendes Gesetz zur Beschränkung von Plastiktüten verabschiedet. Wenngleich sich die neuen Vorschriften positiv auf Handelsbilanz und Umwelt auswirken, offenbaren sie zugleich erhebliche strategische Defizite in der türkischen Kunststoffindustrie. Die Branche benötigt dringend Innovationen und ein Umsetzen der Konzepte der Kreislaufwirtschaft.

Die Türkei ist einer der größten Kunststoffverbraucher in Europa und gleichzeitig einer der größten Nettoimporteure (was angesichts der jüngsten STAR-Raffinerie-Erweiterung so bleiben dürfte). Mit jährlich 440 Plastiktüten pro Person – im Vergleich zu 15 bis 25 in manch anderem europäischen Land – ist der Verbrauch in der Türkei wesentlich höher, was sich negativ auf die Umwelt und die natürlichen Ressourcen auswirkt. Beide Faktoren – die Reduzierung des Handelsdefizits und ein Umweltschutz – sind überzeugende Argumente für die Entscheidung der türkischen Regierung.

Handelsdefizit gesenkt, Umwelt gerettet – also alles im grünen Bereich?

Es sind allerdings einige kritische Punkte zu bedenken. Die meisten Hersteller von Plastiktüten sind kleine und mittelständische Unternehmen, die nun mit der Herausforderung eines drastischen Nachfragerückgangs konfrontiert sind. Es ist davon auszugehen, dass dies zumindest kurzfristig für Überkapazitäten in der Branche sorgen wird. Diese Folgen können teils durch ein umfangreiches, von der Regierung lanciertes Unterstützungsprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen ausgeglichen werden, das Subventionen und einfacheren Zugang zu Krediten bietet (das Programm ist ebenfalls seit dem 1. Januar 2019 in Kraft). Die Initiative wird allerdings nur wirksam sein, wenn kleine und mittelständische Plastiktütenhersteller sie als Chance wahrnehmen, ihr Geschäftsmodell zu überdenken.

Die Erfahrung mit der neuen Plastiktütenregelung im Mittelstand bietet auch wertvolle Erkenntnisse für die gesamte türkische Kunststoffbranche. Trotz der grundlegend guten Rahmenbedingungen für die Produktion in der Türkei – der riesige Binnenmarkt und ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber benachbarten Märkten – hat es die Kunststoffbranche nicht geschafft, eine auf innovativen Produkten gründende Strategie zu entwickeln. Insbesondere die Importbilanzen für Kunststoff machen deutlich, dass sich der Markt auf Konsumgutanwendungen verlässt und nur wenig Aktivität im Bereich technischer Kunststoffe oder in HTPA-Segmenten zeigt. Dies könnte die Folge lokaler Markteigenschaften sein, beispielsweise der hohen Importquote von Rohstoffen, der fragmentierten Produktionsbasis und der begrenzten Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Also, was nun?

Im Allgemeinen ist der Schritt zu strikteren Vorschriften für die Nutzung von Plastiktüten eine willkommene Entscheidung. Aus meiner Sicht sollte die türkische Kunststoffbranche eine Innovationsagenda mit sinnvollen und bedeutenden Meilensteinen aufstellen. Unter anderem wären ein Plan zur Förderung erneuerbarer Energien und biologisch abbaubarer Materialien, ein von E-Mobilität getriebener Nachfragewandel sowie eine Forschungsagenda zur Kunststoffnutzung in der Kreislaufwirtschaft von Vorteil. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Berater in der türkischen Kunststoffbranche habe ich festgestellt, dass mehr als genügend Motivation vorhanden ist, auch unter schwierigsten Bedingungen Fortschritte zu erzielen. An der Schnittstelle zwischen Ost und West hat die türkische Kunststoffbranche das Potenzial, eine deutlich aktivere Rolle zu spielen. Die Frage ist, ob sie diese Chance nutzen wird.

Wir danken Ferhat Eryurt für diesen Artikel. 

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